Erfahrungsberichte

Interview mit Ana Beliana Mareo JuárezAna Beliana

Anna ist 24 Jahre alt, Maya-Q´anjobal aus Santa Eulalia/Huehuetenango. Sie ist Psychologin und war Ija´tz-Stipendiatin von 2009 bis 2015.

Was bedeutet für Dich dieser Erfolg des Universitätsabschlusses?

Der Uniabschluss ist für mich zunächst eine große Freude, aber auch eine Verpflichtung zugleich. Er verpflichtete mich um so stärker für mein Volk und für meine Mitmenschen einzusetzen, vor allem für diejenigen, die nicht das Glück hatten, höhere Bildung zu erlangen.

Was denkt Deine Familie darüber?

Manchmal ist es schwierig für unsere Familien wirklich zu verstehen, was ein solcher Abschluss und die damit verbundene Anstrengung und Mühe eines Studiums über all diese Jahre hinweg bedeutet. In unserer Kultur ist es für eine Frau in meinem Alter immer noch die Regel verheiratet zu sein und möglichst viele Kinder zu bekommen und nicht nach höherer Bildung oder gar beruflicher Verwirklichung zu streben. Ich bin das erste Familienmitglied überhaupt mit einem Universitätsabschluss und  eine der ganz wenigen Frauen aus meiner Heimatregion. So gesehen, freut sich meine Familie mit mir und ist stolz auf meinen Erfolg.

Wie beurteilst Du im Rückblick die Zeit als Stipendiatin von Ija´tz?

Die Zeit als Stipendiatin von Ija´tz war sehr wertvoll für mich, nicht nur im Hinblick auf die finanzielle Unterstützung, ohne die ich mein Studium nicht hätte beginnen und erfolgreich abschließen können, sondern gerade auch im Hinblick auf meine persönliche Entwicklung. Vor allem die persönliche Begleitung durch meinen Tutor und das Projektteam in all den Jahren und das Bildungsprogramm haben mich persönlich reifen lassen und mich auf meinem Weg bestärkt. Dafür werde ich dem Projekt und den Spendern in Deutschland immer dankbar sein.

Was ist die Botschaft, die Du gerne zukünftigen StipendiatInnen mitgeben möchtest?

Vor allem, dass sie wissen sollten, dass Bildung ein Recht ist, auf das alle in Guatemala –Männer wie Frauen- einen Anspruch haben. Bildung ist der einzige Weg aus der Unwissenheit und damit auch der Weg, repressive und ungerechte Strukturen zu hinterfragen und mündig seine eigene Meinung entgegenzustellen. Nur durch Bildung können die vielen großen und kleinen Teufelskreise in unserem Leben durchbrochen und Bewusstsein verändert werden. Das macht uns frei. Wenn du also wirklich frei und selbstbestimmt leben möchtest, dann lerne und studiere!


 Julio Baten

Mein Name ist Julio Baten, ich komme aus einem Dorf namens Chuarrancho im Süden des Landes, es ist sehr schön aber wir haben ein großes Problem mit extremer Armut und Analphabetismus.

In meiner Familie sind wir neun Geschwister, ich bin der sechste von ihnen. Meine Mutter ist nur bis zur 2.Klasse in die Grundschule gegangen und mein Vater ging nie zur Schule, er brachte sich das Lesen und Schreiben selbst bei. Obwohl mein Vater eher findet, dass Bildung unwichtig ist, da sie die Familie nicht ernährt, war er sehr stolz als fnf von uns die Unterschule absgeschlossen haben.

Ich träumte schon seit der Grundschule davon, Arzt zu werden. Mit 11 Jahren bin ich zu meinen zwei großen Schwestern in die Hauptstadt gezogen, um meinen Oberschulabschluss zu machen. Sie backen und verkaufen Tortillas und unterstützten mich finanziell während meiner Ausbildung. Dennoch begann ich neben der Schule selbst in einem Supermarkt zu arbeiten, um nicht komplett abhängig von meiner Familie zu sein. Außerdem leidet meine Mutter seitdem unter Diabetis und die Behandlung ist sehr teuer.

Nachdem ich meinen Traum ausleben konnte und das Studium der Medizin begonnen hatte, stellte ich schnell fest, dass meine Arbeit zur Finanzierung des Studiums nicht ausreicht und ich musste wieder um die Unterstützung meiner Eltern bitten, diese konnten mich aber nicht weiter finanziell helfen, sodass ich mein Studium unterbrechen musste, um Vollzeit zu arbeiten. Dann jedoch traf ich auf das Proyecto Ija`tz und mein Leben veränderte sich.

Ich erinnere mich noch, als ich vor ca 7 Jahren das erste Mal in das Büro vpm Projekt Ija`tz getreten bin, um mich für ein Sitpendium zu bewerben, Vor zwei Jahren habe ich dann das Unmögliche geschafft: Ich habe mein Studium als Arzt bzw. Chirug abgeschlossen, Nun arbeite ich in meiner Heimatregion im Gesundheitsministerium, Während meines Studiums gab es viele Momente, in denen ich die Motivation beinah verloren habe. Der schlechte Zustand des guatemaltekischen Gesundheitssystems und die unfairen Arbeitsbedingungen, die ich am eigenen Leib gespürt habe, haben mich oft verzweifeln lassen. In diesen Momenten haben mir die Werte, die mir das Projekt vermittelt hat, geholfen, weiter zumachen: Soziale Gerechtigkeit, Solidarität, sich für einen Wandel einsetzen. Nun glaube ich, dass ich mein Leben und das meiner Mitmenschen nicht verändern kann, solange ich dieses nicht zuerst akzeptiere. Nun kann ich diese Werte, die ich oft auch als anstrengend empfand, einsetzten, um meine Umgebung zu verändern. Und warum sollte ich dann nicht mit mir selbst anfangen?


Francisco Ical Jom

Mein Name ist Francisco Ical Jom, ich bin als zweiter von 10 Kindern in dem Dorf El Pajuil de Chicamán, in der Region Quiché geboren. Seit ich ein kleiner Junge war, habe ich davon geträumt, ein Lehrer zu werden , aber die Armut in meiner Familie und in meinem Dorf hat es mir nicht ermöglichen können. Meine Mutter hat wie fast alle Frauen Handarbeiten hergestellt und damit täglich 1,50 Quetzales (15 centverdient. Mein Vater arbeitete als Tagelöhner, wenn er Arbeit hatte brachte er 7 Quetzales (79 Cent) nach Hause. Wir bauten aber auch Bohnen und Mais an; in den Wintermonaten fuhren wir zusätzlich für die Kaffeeernte in eine andere Region.
Für uns war der Grund, warum wir in die Schule gegangen sind, dass wir dort spanisch lernen können, um nachher der Armee beizutreten, denn es zu der Zeit gab es eine Wehrpflicht und bevor man diese nicht geleistet hatte, durfte man nicht heiraten.
Mit der Hilfe meiner Lehrer konnte ich die Oberschule besuchen, diese war allerdings in einer anderen Region, sodass ich mit 12 Jahre ausziehen musste. Dort habe ich dann morgens vor der Schule in einer Bäckerei gearbeitet, bin dann zur Schule gegangen und habe abends gelernt. Von meinem Gehalt habe ich das Schulgeld bezahlt.
Mein letzter Schritt war nun, das Fachabitur als Lehrer zu machen. Hierfür musste ich allerdings wieder in eine andere Region des Landes umziehen, da es in den Schulen in der Umgebung zu teuer war. Hier in Cobán konnte ich nun nicht mehr arbeiten gehen, weil es hier ein Vollzeitstundenplan herrscht. Aus diesem Grund musste mein Vater in der Hauptstadt als Sicherheitsbeamter anfangen. Sein Gehalt hat leider nicht genügt, denn es musste schließlich für die Ausbildung von zehn Kindern reichen.
Im Jahr 2004, in meinem vorletzten Schuljahr, sagte mein Vater mir, dass er mein Schulgeld nicht weiter bezahlen kann, denn das Geld reichte schlicht nicht aus. Wir beschlossen, dass ich ein Jahr die Schule aussetzten würde, um arbeiten zu gehen.
Aber in diesem Jahr sprach mein Vater mit den Priestern seiner Kirche über unsere Situation und sie erzählten ihm von dem Proyecto Ija`tz. Sie akzeptierten mich als Stipendiat und halfen mir nicht nur weiter zur Schule zu gehen, sondern mir selbst zu vertrauen und daran zu glauben, dass ich etwas in meinem Dorf und in meinem Land verändern kann.
Nach meinem Abschluss erhielt ich vom Projekt eine Urkunde, über die besten Prüfungsergebnisse unter allen Stipendiaten. Einige Tage später erhielt ich dann sogar eine Einladung vom deutschen Entwicklungsdienst DED, dass ich in in Deutschland Linguistik studieren könnte. Diese Gelegenheit konnte ich leider nicht wahrnehmen, denn ich musste meinen Geschwister helfen; das war die Abmachung, die ich mit ihnen gemacht habe, auch musste ich meine Gemeinde unterstützen.
Nach 6 Jahren kehrte ich also zurück, um an einer Schule in meiner Region ein neues Konzept des bilingualen Unterrichts einzuführen [es wird auf spanisch und in der Stammessprache unterrichtet].
Diese Organisation kümmert sich um die Entwicklung des Gemeinde und Entwicklungswesens und nennt sich ASI eDesarrola Pajuil.
Neben meiner Arbeit studiere ich an der Universität zweisprachige Pädagogik und die Kultur der Maya.
In den Ferien arbeite ich mit einer Jugendgruppe zusammen, die über die Vorgänge
des guatemaltekischen Bürgerkrieges recherchiert, über welche ich ein Buch verfasst
habe. Außerdem arbeite ich zur Zeit an Sachbüchern über den Unterricht der
Stammessprache  Poqomchi’, die Schreibweise dieser, aber auch beispielsweise über die korrekte Interpretation des Maya Kalenders.
In der Zukunft möchte ich Anthropologie oder vielleicht Linguistik studieren (ich spreche drei Stammessprachen, spanisch und englisch). Ich möchte einen Verlag finden, um meine Bücher zu veröffentlichen und als freier Journalist bei einer guatmaltekischen Zeitung arbeiten. In ferner Zukunft möchte ich mich in der Politik engagieren und Abgeordneter meiner Region sein.

Die Jungen und Mädchen aus dem dörflichen Gegenden haben die Fähigkeit sich zu verantwortungsbewussten Menschen zu entwickeln und sich für ihre Gemeinden einzusetzen, aber die Armut beschränkt sie in ihrer dieser Entwicklung und nur dank der Hilfe von Projekten wie Ija`tz können sie zu diesen Menschen heranwachsen.


julio

Francisco und Dr. Rigoberta Menchú Tum, Friedensnobelpreisträgerin während einem Krongress zu bilingualer Erziehung.

Der Artikel ist auch in ESPAÑOL verfügbar.